Derzeit haben wir viele neue Mitglieder im ersten Unisemester und dadurch hatten wir bei unserer letzten Sitzung eine größere Debatte zu einem Artikel der Kieler Nachrichten gehabt, bei dem es um die ErstiWoche und daraus entstehende Probleme ging. Tenor war durchaus, dass der Artikel hochgradig spießig war. Dennoch gab es viele verschiedene Meinungen zu der Problematik und dem Umgang damit. Hier ist ein Kommentar unseres Mitglieds Juli:

“Ich bin Ersti in diesem Jahr und hatte dementsprechend auch vor kurzem meine Erstirallye. Meine Mitbewohnerin hatte mir schon viel von den Mediziner*innenrallyes erzählt unter anderem von der Kleiderkette, bei der sich die Erstis bis auf die Unterwäsche ausziehen.

Das machte mich sehr nervös. Was würde ich wohl machen, wenn es das auch bei meiner WiPoRallye gäbe? Mich auch ausziehen, obwohl ich mich dabei nicht wohl fühlen würde? Ich meine, ich möchte ja auch nicht direkt am Anfang prüde wirken. Oder würde ich mich nicht ausziehen und dann vielleicht dumme Sprüche der Gruppe kassieren?

Gar nicht zur Rallye zu gehen, wäre auch keine Option für mich gewesen, schließlich soll man ja auch da Freund*innen fürs ganze Studium finden. Gerade wenn man alleine in eine neue Stadt kommt, ist das besonders wichtig.

Letztendlich gab es bei meiner Rallye keine Kleiderkette und die Entscheidung wurde mir abgenommen. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sich viele Erstis die gleichen Fragen stellen wie ich. Und das finde ich äußerst problematisch. Natürlich wird niemand wirklich gezwungen, sich auszuziehen, viele werden auch keinen starken Gruppenzwang verspüren und sich nicht ausziehen, wenn sie es nicht möchten. Es gibt bestimmt auch Menschen, die daran Spaß haben, sich auszuziehen. Aber wir müssen bedenken, dass es auch weniger gefestigte Persönlichkeiten gibt, die einen zu starken Gruppenzwang verspüren und sich gegen ihren eigentlichen Willen ausziehen. Vielleicht bereuen sie es dann im Nachhinein und fühlen sich schlecht. Ich habe keine Ahnung, wie groß die Gruppe dieser Menschen ist, aber jede einzelne Person ist eine Person zu viel. Gerade wenn es um ein so intimes Thema geht. In anderen Situationen ist es ja auch nicht normal, sich seinen neuen Freund*innen direkt halbnackt zu präsentieren.

Nur weil ihr in der Situation keinen starken Gruppenzwang seht, solltet ihr ihn nicht unterschätzen. Ihr habt doch bestimmt auch schon mal etwas aus Gruppenzwang getan, oder etwa nicht? Also ich habe es auf jeden Fall schon. Das eigentliche Problem ist nicht die Kleiderkette, sondern der Gruppenzwang, der auch in vielen anderen Situationen besteht und verringert werden muss.

Ob ich mich ausgezogen hätte oder nicht, weiß ich immer noch nicht. Ich weiß nur, dass ich mit keiner der beiden Entscheidungen glücklich gewesen wäre.”