{"id":1110,"date":"2022-02-01T18:07:26","date_gmt":"2022-02-01T17:07:26","guid":{"rendered":"https:\/\/gruenejugend-kiel.de\/?p=1110"},"modified":"2022-02-01T18:07:26","modified_gmt":"2022-02-01T17:07:26","slug":"entkolonialisierung-von-strassennamen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gruenejugend-kiel.de\/?p=1110","title":{"rendered":"Entkolonialisierung von Stra\u00dfennamen"},"content":{"rendered":"<p>Kolonialisierung, Sklaverei und Vertreibung sind Begriffe, die auf den ersten Blick auf die Vergangenheit unseres Landes Bezug nehmen. Und doch finden sich immer wieder Verweise darauf, dass auch unser heutiger Alltag von dieser Vergangenheit gepr\u00e4gt ist. So gibt es in Kiel Stra\u00dfen, die nach ehemaligen Kolonisatoren und Menschenh\u00e4ndlern benannt sind. Beispielsweise ist eine Nebenstra\u00dfe der Holtenauer Stra\u00dfe nach Joachim Nettelbeck benannt, der als Obersteuermann auf einem Sklavenschiff t\u00e4tig war und sich dabei bereicherte. Ein weiteres Beispiel ist eine Stra\u00dfe im Afrika-Viertel, die nach dem Kolonisator Adolf L\u00fcderitz benannt wurde.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass die Geschichte des eigenen Landes nicht einfach ausradiert und \u00fcberschrieben werden sollte. Schlie\u00dflich tr\u00e4gt man als Land eine gewisse Verantwortung f\u00fcr die Aufarbeitung der Vergangenheit, aus der auch viel f\u00fcr die Gegenwart zu lernen ist. Allerdings sind Stra\u00dfenschilder wohl kaum daf\u00fcr geeignet, kritisch \u00fcber die Vergangenheit zu reflektieren. Sie kl\u00e4ren weder \u00fcber die Personen auf, nach denen sie benannt wurden, noch gehen sie kritisch mit ihnen um. Im Gegenteil: Durch die Benennung einer Stra\u00dfe nach einem Kolonisator wird diese Person sogar noch geehrt und ger\u00fchmt. Wie k\u00f6nnte ein L\u00f6sungsansatz hierf\u00fcr aussehen?<\/p>\n<p>Im Beispiel Nettelbeck ist es so, dass er 1907 mit dem Stra\u00dfennamen gew\u00fcrdigt wurde, weil er 1807 Kolberg gegen die Franzosen verteidigt hatte. Wie weiter oben schon erw\u00e4hnt wurde, war Nettelbeck aber auch am Menschenhandel w\u00e4hrend der Kolonialzeit ma\u00dfgeblich beteiligt. Ist es nun sinnvoll, bei der Stra\u00dfenbenennung \u00fcber den Menschenhandel hinwegzusehen und die \u201epatriotische Verteidigung\u201c allein in den Vordergrund zu stellen? Das ist zu einfach gedacht. Nat\u00fcrlich ist es so, dass sich die Normen und Werte einer Gesellschaft \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndern. Es ist davon auszugehen, dass auch unsere heutigen Normen in Zukunft in Frage gestellt werden. Aber Menschen zu vertreiben, zu versklaven oder gar zu t\u00f6ten geht weit \u00fcber das hinaus, was hier in einen akzeptablen Rahmen passt. Auch wenn den damaligen Menschenh\u00e4ndlern ihr Verhalten vielleicht richtig vorkam, d\u00fcrfen solche Taten zu keinem Zeitpunkt legitimiert werden. Weiterhin ist es auch nicht der Fall, dass die Vergangenheit mittlerweile abgeschlossen ist. Gerade wenn die eigene Familiengeschichte durch Menschenhandel gepr\u00e4gt ist, kann so eine W\u00fcrdigung sehr verletzend sein. Doch auch Menschen, deren Vergangenheit in der Familie nicht durch Kolonisatoren oder Sklaverei belastet ist, m\u00fcssen an dieser Stelle Verantwortung \u00fcbernehmen und sich der Legitimation dieser Verbrechen in den Weg stellen.<\/p>\n<p>Das Dilemma bei dieser Diskussion ist, dass eine Umbenennung den Anschein erwecken kann, die Vergangenheit ausl\u00f6schen zu wollen. Benennt man aber eine Stra\u00dfe nicht um, sondern macht anderweitig auf die Konflikte der betreffenden Personen aufmerksam, muss sich umso mehr gefragt werden, weshalb man als Gesellschaft im v\u00f6lligen Bewusstsein \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten solche Menschen weiterhin symbolisch w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Praktisch gesehen birgt eine Umbenennung recht viel Aufwand: Die Anwohner*innen m\u00fcssen die Anschrift bei vielen Dokumenten sowie Konten \u00e4ndern, es kann zu Problemen und \u00c4nderungen in den Navigationssystemen kommen usw. Der meiste Aufwand f\u00e4llt dabei wohl auf die Anwohner*innen der Stra\u00dfe zur\u00fcck. Daher w\u00e4re f\u00fcr die Politik eine Umbenennung der betroffenen Stra\u00dfen leicht und widerstandslos durchf\u00fchrbar, wenn die Forderung von den Anwohner*innen aktiv vorangebracht wird. Zus\u00e4tzlich zu der Umbenennung sollte in den Stra\u00dfen ein entsprechender Hinweis angebracht werden, nach wem die Stra\u00dfen vorher benannt waren und weshalb sie umbenannt wurden. Zus\u00e4tzlichen sprechen wir uns als Gr\u00fcne Jugend daf\u00fcr aus, dass die jeweiligen Stra\u00dfen nach Widerstandsk\u00e4mpfer*innen umbenannt werden, die sich dem Kolonialismus und Nationalismus entgegengestellt haben. Um unsere gesellschaftliche Diversit\u00e4t besser abzubilden, sollen dabei mindestens die H\u00e4lfte der Namen nach FINT*-Personen benannt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Autor: Johannes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolonialisierung, Sklaverei und Vertreibung sind Begriffe, die auf den ersten Blick auf die Vergangenheit unseres Landes Bezug nehmen. Und doch finden sich immer wieder Verweise darauf, dass auch unser heutiger Alltag von dieser Vergangenheit gepr\u00e4gt ist. 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